Samstag, 6. September 2014

Der zweite Tod

Dies schreibe ich im Gedenken an meinen Großvater, der im 1. Weltkrieg gefallen ist. - Wir  haben ihn schmerzlich vermisst: 

Das Ziel der alt-ägyptischen Religion ist die Sicherheit der Seele im Diesseits und Jenseits. Deshalb, oh Wanderer, verhältst du dich möglichst im Diesseits deinen Widersachern gegenüber nach den Vorgaben der Ma'at. Nur dann kannst du sicher sein, dass deine Seele im Jenseits keinen Schaden nimmt.
Wie man das macht, steht im
Buch Thot.
"Der Gedanke an ein ... Totengericht wurde erstmals am Beginn des Mittleren Reiches in der Lehre für Merikare um 2000 v. Chr. ausformuliert (...) Die Vorstellung vom Totengericht verdichtete sich im Bild der Waage. Das Herz des Menschen, die Sammelstelle allen guten und schlechten Handelns, wurde auf der Waage gegen das Symbol der Maat, eine Feder, aufgewogen." (Hartwig Altenmüller in: Suche nach Unsterblichkeit, Hildesheim 1990)
Jedoch, oh Wanderer, wenn du diese Zeilen liest, wirst du mithilfe der Göttin schon viele Dämonen besiegt haben, denn du wurdest bereits wieder geboren. Deine Seele dürfte im Jenseits schon oft an AMMUT - dem zweiten Tod - vorbei gegangen sein. Darum sei auch diesmal kein Narr und erleichtere schon zu Lebzeiten dein Herz. Wie? Fang die Schatten, die dich lenken, dann kannst du sie überdenken, oder ihren Namen nennen und dir selbst die Freiheit schenken. Oder anders ausgedrückt: mache dir zu Lebzeiten deine Traumata (Dämonen) und Handlungsfehler (Sünden) bewusst und stelle dich deinem Schmerz, damit dein Herz wieder leicht und frei wird. Diese Freiheit bzw. Leichtigkeit ist nötig, um dem 'zweiten Tod' zu entgehen. Folge fortan dem Rat des Osiris (Hüter der Schwelle), wenn du am Scheideweg stehst.
Wie muss man sich das Totengericht konkret vorstellen? Es scheint, als befinde sich die Seele des Verstorbenen solange in einem Wartezustand (Zwischenzustand / Bardo) bis der Einklang mit Ma'at hergestellt ist. Erst dann kann die Seele ins Licht und ist frei.
Der 'Einklang mit Ma'at' kann nur hergestellt werden durch das Wahrnehmen der Wahrheit, denn nur wahrgenommene Wahrheit greift ein und verändert den Zustand.
Was bedeutet das für die Millionen Gefallenen und Ermordeten der Kriege und Weltkriege, die „ … mutwillig oder zumindest fahrlässig in ein von Mächtigen und Interessengruppen in Gang gesetztes, verbrecherisches Unternehmen hineingezogen und zur Erreichung unlauterer Ziele ...“ (Eroberung von Territorien und Wirtschaftsräume) in den Tod getrieben werden?
(vgl.
Im Westen nichts Neues, S. 206)

Einer aus der grauen Masse ( … ) muß für alle sprechen, muß das Gespenst der Vergangenheit stellen, am Kreuzweg um Mitternacht, muß es packen und halten und noch einmal mit Lebensblut erfüllen – damit es Zeugnis ablege und ihnen allen die Ruhe bringe, allen, die für immer schweigen, und allen, auf denen heute noch der Druck unklaren Erinnerns, geteilter Gefühle, zerrissenen Empfindens liegt.“ (zitiert nach Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 21. Auflage 2003, S. 205)

Für die Toten des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren hat das Erich Maria Remarque mit seinem Roman 'Im Westen nichts Neues' getan. Wer wird es für die Toten der derzeit stattfindenden Greueltaten heutiger Kriegsschauplätze tun? Wer wird deren Seelen durch das Wahrnehmen der Wahrheit erlösen? 

Gewalt ist der Analphabetismus der Seele. Und es ist eine Schande, dass in den letzten 30 Jahren Krieg als Mittel der Politik in Deutschland wieder hoffähig geworden ist. Aber die größten Kriegstreiber befinden sich seit geraumer Zeit schon in Amerika. Wie gesagt: Im Westen nichts Neues!


Keine Kommentare:

Kommentar posten