Sonntag, 18. September 2016

Vom Schleier der Kultur

Frau sein in der Konsumgesellschaft

Menschliche Daseinserfahrung in der Postmoderne ist gekennzeichnet durch ein Denken in Kategorien wirtschaftlich-technischer Rationalität, durch eine Überflutung mit Informationsfragmenten und dadurch Lenkung des verunsicherten Individuums der Massengesellschaft, das in Scheinrealitäten lebt und arbeitet, im fremden Interesse. Die Wirklichkeit ist selbst Teil der Simulation geworden. Wir leben in 'Realitäts-Tunneln' (Wilson) und können kaum noch unterscheiden, was wichtig und unwichtig, richtig und falsch, gut und böse für uns ist. Alles erscheint uns wichtig und unwichtig, alles richtig und falsch, gut und böse.
Orientierungslosigkeit und zunehmende Willkür bewirken, dass Menschlichkeit und Leben ebenso wie die gesamte Natur weiter zerstört werden. Diese Gesellschaft mit ihrer Jagd nach Geld geniert sich nicht, Frauen allein die Sorge um die nächste Generation zuzumuten, wodurch Frauen entweder der Kinder wegen gezwungen werden, bei einem ungeliebten Mann zu bleiben oder andernfalls gezwungen werden, um der Karriere willen auf Kinder zu verzichten. Beides ist gleichbedeutend mit dem Verzicht auf einen Großteil ihrer Sexualität und das heißt: ihrer Gesundheit! Am glücklichsten glauben sich dann nur noch die Frauen, die es schaffen, Kinder und Karriere 'unter einen Hut' zu bringen, was in der Regel ziemlich selten gelingt, weil die entsprechende gesellschaftliche Infrastruktur sowie Arbeitszeitverkürzung für alle die Grundvoraussetzung dafür wäre. Den meisten Frauen bleibt daher das 'behinderte' Leben. Frauen müssen dem etwas entgegensetzen, um sich weiterentwickeln zu können: das Recht aller Menschen auf freie Entfaltung – ein Lebensgesetz – auch für sich in Anspruch nehmen zu können.
Als Reaktion auf zunehmende Orientierungslosigkeit ist die Flucht in kleinbürgerliche Werte zu beobachten, eine Massenhysterie des Haben-müssens, um die innere Leere nicht spüren zu müssen. Dass das uns nützt, bezweifle ich.
Fest steht, schon wenn wir unsere Gesundheit nicht weiter einschränken lassen wollen, ist eine neue Ethik vonnöten, da die Ethik der wirtschaftlich-technischen Rationalität im Konkurrenzsystem der 'industriellen Einheitszivilisation' (Golowin), bekannt in ihrer historischen Ausprägung als Kapitalismus und Sozialismus, wenn sie sich totalitär gebärdet, letztlich zum Genozid ('ethnische Säuberung') führt. Das bedeutet auf die Dauer: den Untergang jeglicher Zivilisation. Eine neue Ethik des Lebens muss eben genau darauf basieren, woran es heute weitestgehend mangelt: auf der Wertschätzung des Lebens, der Natur und der Menschlichkeit.
Wechselseitige Abhängigkeiten in der Gesellschaft sind unser Schicksal, aber auch unsere Chance. Deshalb sind wir unserem Schicksal keineswegs hilflos ausgeliefert. Dieser Zusammenhang wird häufig genug vergessen. So kann man sich beispielsweise in einer Demokratie in Interessengemeinschaften zusammenfinden, um Ziele zu verwirklichen.
Oft genügt es aber vollkommen, die zugewiesene Rolle, sofern sie einem nicht mehr passt, zu verweigern – ganz einfach! Einfach? Genau hier stößt die einzelne Frau meist an die Grenzen ihrer persönlichen Möglichkeiten. Dennoch ist es unsere Lebensaufgabe an sich, unsere Grenzen zu überwinden, und uns nach allen Richtungen hin zu entfalten. Unser ganzer Lebenssinn seit Anbeginn der Menschheit besteht darin, die Grenzen persönlichen Wachstums zu überschreiten und uns weiter zu entwickeln, ein Auftrag der Evolution, sozusagen ein Naturgesetz. Andernfalls beschädigen wir uns selbst und es erwartet uns das gleiche Schicksal wie einstmals die Dinosaurier, wir sterben aus.
Als Pädagogin und Tänzerin interessierten mich vor allem die Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung und so habe ich diesbezüglich verschiedene Techniken der Körperarbeit untersucht, u. a. den Orientalischen Tanz. Beim Orientalischen Tanz finden Frauen insbesondere das, was die Stärke weiblicher Schöpfungskraft freisetzen kann – eine Art Selbstfindung mit Verjüngungseffekt: Das vorübergehende Verweilen im Zustand der 'Vereinigung mit sich selbst' und als Ergebnis davon das wiedergefundene Körpergefühl einer Achtzehnjährigen.
Für mich war nach ekstatischer Bauchtanzmeditation die Bürde der Jahre tagelang wie vom Erdboden verschluckt, zerstört war eine kleine Weile alles, was den Organismus belastete. Ein Erlebnis, das etwas Unglaubliches bewirkte: Die Möglichkeit der Verjüngung, der Erneuerung der Lebenskraft und somit des Körpers, rückte in das Bewusstsein.
Um jedoch dieses individuell-schöpferische Element von Sinnlichkeit durch Bauchtanz freisetzen und darüber hinaus für die Befreiung von persönlichen Ängsten und den Spuren, die diese am eigenen Körper hinterlassen, nutzbar machen zu können, musste offenbar etwas Wesentliches dazukommen, denn es begegneten mir auch viele Bauchtänzerinnen ohne Esprit. Die Schlussfolgerung besteht darin, dass die Qualitäten einer in sich ruhenden Frau, die zudem über ein ausgeprägtes Charisma verfügt, nur entstehen, wenn sie die Bedingungen ihrer Existenz bewusst mitbestimmt. Dieses Ziel verfolgt der Feminismus seit den 60er Jahren und spricht zu diesem Zweck vom "Mythos der Weiblichkeit", was in dem heutigen Gender-Mainstreaming gipfelte, der Angleichung der Geschlechter in Beruf und Gesellschaft. Da auf diese Weise aber auch gleichzeitig die spezifisch weibliche Fähigkeit des Kontakts zur Gefühlswelt diskreditiert wurde, befinden sich Frauen derzeit in einer schrecklichen Identitätskrise. Hier einige Auswüchse: Frauen glauben dass sie Männer sind, tun sich in Rudeln zusammen und laufen einem Ball hinterher; andere Frauen wollen gleich ganz aus der Welt verschwinden (Magersucht); wieder andere stopfen soviel in sich rein, bis sie sich deutlich sichtbar den Raum nehmen, den man ihrer Weiblichkeit verweigert (Fettleibigkeit); dann gibt es seit Neuestem den Trend, sich freiwillig einen Ganzkörper- und Gesichtsschleier überzustülpen, um als Frau aus der Gesellschaft zu verschwinden. 
Hinter all dem steckt das unbestimmte Gefühl, als Frau irgendwie nicht zu genügen, in der Gesellschaft nicht richtig angenommen zu sein, weshalb wir heute wieder vollkommen neu lernen müssen, unsere Gefühlswelt wertzuschätzen und uns anhand unserer Gefühlswelt zu orientieren.


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